Copyroo

Ich sitze auf den hohen Stühlen in der offenen Küche meiner liebsten Raumfahrtagentur und seufze. Dabei beobachte ich, wie sich die Blasen in meinem frisch gezapften Kakao langsam auflösen. Durch die vollverglaste Fassade taucht die untergehende Sonne das Bild in ein warmes Rot. Es ist wieder eine dieser Tage, in denen ich zu konzentriert auf den Bildschirm geschaut habe und die Zeit vergessen habe. Meine Überstunden stapeln sich inzwischen auf meinem Zeitkonto wie die ungelesenen Bücher auf meinem Nachttisch.

Jemand hüpft hinein, schnuppert hinter mir und sagt dann:

“Wieso das lange Gesicht?”

Ich schaue auf und schnaufe.

“Fragen das die Leute nicht üblicherweise dich?”

“Schnauze”, sagt das Känguru, und springt hinüber zur Kaffeemaschine. Ich kann mir denken, warum es ausgerechnet die vom Campus am weitesten entfernte gewählt hat. Es ist die einzige Maschine, die kostenlos zapft.

Das Känguru kneift die Augen zu und tippt auf dem Display herum. Ich wende mich wieder den Milchblasen meines Kakaos zu.

“Mir wird übrigens gesagt, dass meine Niederschriften den Kurzgeschichten von Marc-Uwe ähneln.”

“Das spricht jetzt nicht unbedingt für Qualität”, antwortet das Känguru, bevor es die Kaffeemaschine mit einem kräftigen Schlag betäubt, die Kaffeelucke öffnet und etwas reinfüllt. Dann drückt es einen Knopf und die Maschine erwacht knirschend zum Leben.

“Ich weiß, aber man muss ja schon sagen, dass die Leute ihm die Bude einrennen. Also als Kompliment-”

“Lass mich dir mal von einem Gleichnis erzählen.”

Dass die Kaffeemaschine eine Bezahlung von 0.00€ verlangt, ignoriert das Känguru kurzerhand, und setzt sich kichernd mit einer zähflüssigen Substanz in der Tasse neben mich an den Tisch. “Espresso Schnappspralino", sagt es, mich verschwörerisch anguckend.

“Ein Gleichnis”, sage ich misstrauisch.

“Genau.” Es nippt an seiner Tasse.

“Aha.” Ich tippe an meiner Tasse.

“Ein alter behaarter Mann, der Dorfälteste quasi, sitzt in einer Schänke und erzählt den Menschen von der Heilwirksamkeit seiner Strategie, innere Streitigkeiten durch die Zweiteilung des Körpers in die Außenwelt zu tragen und öffentlich beilegen zu lassen.”

“Ist das 'ne Anspielung auf Auto-Schnick?” Das Känguru fährt unbeirrt fort.

“Die Leute hören ihm zu und staunen, und sind beeindruckt, und probieren es gleich selber aus. Da kommt ein junger Mann hinein und fängt an zu rebellieren. Redet von Liebe des Nächsten und wirft im nächsten Atemzug einen Tisch um. Die Leute applaudieren, bejubeln ihn geradezu. Und dann steht ein alter Mann mit roter Kopfbedeckung auf, stellt sich auf den Tisch und proklamiert, dass all das, was geschehen ist, gar nicht geschehen ist, und wirft Geld in die Menge. Und was denkst du, was passiert? Die Menschen lassen von allem ab, hören ihm nicht mal zu, sondern fangen an, Schuhe zu schnüffeln auf der Suche nach den Tagesgroschen für den Einkauf beim Rewe. Dann bejubeln sie ihn. Also, weil er ihnen Geld gibt, nicht weil sie ihm zuhören.”

“Wa- Was soll mir das jetzt sagen?” Das Känguru übergeht die Frage.

“In einer turbo-kapitalistischen Welt ist die Meinung des Einzelnen scheiß egal, vielleicht sogar die gesamte Meinung an sich, weil es ja nur ums Geld, um den Besitz geht. Je mehr man hat, desto besser geht es einem, das versuchen uns die Neoliberalen einzuflöten, aber das dumme ist ja, dass es genau so nicht ist.”

Ich mache faxen, aufzustehen. Das Känguru holt einen roten Boxhandschuh raus und reckt ihn in die Höhe. Ich bleibe sicherheitshalber doch sitzen.

“Menschen wird gesagt, dass Geld alles ist, aber Tatsache ist, dass Geld einfach nur als ein Mittel zur Kontrolle der Massen missbraucht wird, um sie gegeneinander aufzustacheln und globale Krisen weiter zu verschärfen! Wir alle hätten deutlich mehr davon, wäre das Geld gleichmäßiger verteilt und könnte man sich nicht dadurch beliebig Stimmen einkaufen, eben weil Leute nicht auf den letzten Cent angewiesen wären und deswegen auch zum letzten Dreck ja sagen würden. Man könnte ein ordentliches Bildungssystem aufbauen und den privaten Markt durch all das zusätzliche liquide Vermögen und die Kaufkraft ankurbeln und schlussendlich ein für die Nazis kontra-intuitives linksgrün-versifftes Wirtschaftswunder schaffen!”

Ich räuspere mich.

“Ähm- Was hat das jetzt mit meiner Situation zu tun?”

“Unterbrich mich nicht! Denkst du Jesus' Jünger haben ihn ständig unterbrochen? Denkst du, Jesus hat so angefangen zu sprechen, ‘Ich erzähle euch jetzt ein Gleichnis’, und Petrus war so direkt, ‘Nee, nicht schon wieder Chefchen, wir hatten heute morgen doch schon eines’, und Jakobus darauf, ‘Wie oft hat er schon gesagt, dass man ihn nicht Chefchen nennen soll?’ und daraufhin Andreas, ‘Lass mich raten, da kommen auch wieder nur weiße cis Männer vor? Das ist einfach sooo langweilig’, woraufhin Jesus sagt, dass sie alle mal die Klappe halten sollen, und dann Johannes ‘wisst ihr eigentlich, was sie uns heute Abend zum Essen machen? Immer wenn Jesus anfängt zu reden bekomme ich Hunger’. Und dann Bartholomäus so, ‘Ne, Chefchen sagt er wird wieder Fische teilen’, woraufhin Jakobus anfängt zu schreien, ‘hört auf ihn Chefchen zu nennen’, und Thomas direkt meint, ‘Reg dich mal ab, Jakobus’, und Simon einstimmt mit ‘Genau, hier ist ne Tüte, einatmen, ausatmen!’ Und Judas massiert sich schon wieder die Augen und flüstert nur ‘zwei Tage noch, zwei Tage noch’. Denkst du, das war so?"

“Also ich könnte mir das schon gut so vorstellen.”

“Boah, du kopierst ihn voll”, sagt das Känguru angeekelt, springt auf, versucht die Tasse in die bereits volle benutzte Tassen-Schublade zu stopfen, bevor es sie doch kurzerhand im Beutel verschwinden lässt, und hüpft mit voller Wucht gegen die vollverglaste Fassade.