Nureyev
Rudolf Nureyev – eine eindrucksvolle Person, aufgewachsen in Russland, im Alter von 23 Abschied nehmend von seinem Heimatland, um sich seiner Leidenschaft zu widmen; Dem Tanz. Das dahingehend entwickelte Ballett in Inszenierung von Kirill Serebrennikov, choreographiert von Yuri Possokhov und unter musikalischer Begleitung geschrieben von Ilya Demutsky beschreibt seinen Lebensweg, seine Taten und Erfolge, aber auch seine Probleme eindeutig und mit einer Präzision, die der Betrachtung der nackten Haut des Tänzers unter einem Mikroskop nahekommt. Die Rahmenhandlung, eine Auktion nach dem Tode Nureyevs, in welchem seine Besitztümer versteigert, aber auch persönliche Elemente hervorgehoben werden, bildet einen wunderschönen Rahmen für einen Rückblick auf das Leben und Wirken des seinerzeit wohl besten und modernsten Balletttänzers. Der erste Akt überzeugte mit präziser Bewegung, klarer Darstellung und Schönheit, der zweite Akt blieb der brutal klaren Linie bei und missriet wohl bewusst auch begleitend zu den Misserfolgen und Problemen, mit welchen Nureyev sich nach dem Tod seines On-Off-Geliebten, Erik Bruhn, konfrontieren musste. David Soares, Nureyev im Stück, spielt die Rolle mit einer Bestimmtheit und Emotionalität, die, mangels Erfahrung mit der Oper vergleichend, seinesgleichen unter den großen Schauspielern sucht. George Susman als Erik kommt diesem nicht nur physisch ganz nahe und komplettiert damit die Szene, die ich nach der trotz erwartbarer Handlung plötzlichen und etwas überraschenden Rahmensprengung erlebte: Eine homoerotische Nackttanzeinlage im Studio des Amerikaners Richard Avedon, welche mich prompt in Form eines ungewollten inneren Coming-Out überwältigt hätte, wenn ich mir nicht schon meiner Sexualität bewusst gewesen wäre.
Zum Hintergrund: Das Stück wurde 2017 in Russland erstaufgeführt – Die Premiere musste allerdings verschoben werden. Schon zu Beginn hielt das Stück wohl die Öffentlichkeit durch die Hervorhebung von Nureyevs Sexualität in Atem. 2023 musste das Stück schließlich aufgrund neuer LGBT-feindlicher Gesetze aus dem Programm genommen werden. David Soares soll danach einen ähnlichen Weg wie Nureyev genommen haben – er stieg kurz darauf ins letzte Flugzeug aus Moskau nach Berlin und lebt nun im Exil.
Cum Laude – Ein Stück, welches historisch-tänzerisch aufgeladen ist und die Spannung bis ins wankende Ende führt. Da die Vergleichbarkeit mit anderen Balletts fehlt, würde ich dennoch sagen: Wohl eines der beeindruckendsten und schönsten Stücke aus dem Hause der Deutschen Oper, die ich wahrnehmen durfte.