Das Praktikum
Ich schaue auf die Uhr – es ist nicht mehr lang zur Wohnungsbesichtigung – dann blicke ich auf. Verregnete graue Straßen erstrecken sich vor mir, gelegentlich zieht sich eine Tram durch das Bild. Darmstadt. Ich hatte früher immer gedacht, was für ein dummer Name, aber nie darüber nachgedacht, dass ich mal hier landen könnte.
Na gut, Wohnungsbesichtigung. Ich mache mich auf zu dem ebenso hässlichen Bahnhof. Mir kommt eine Menge Menschen entgegen, Männer in labbrigen Hosen und Pullover, andere wiederum wie frisch aus einem Tatort mit roter Substanz auf ihren Arbeitsklamotten, Frauen in Business-Look und Koffern, viele geneigte Köpfe, alle auf die leuchtenden Rechtecke vor ihnen versunken. Ich bahne mir einen Weg durch, die einzig relevante Treppe runter zum S-Bahngleis ist vollkommen überflutet. Ich schaffe es mit Mühe nach unten und schaue in die Bahn, wo die stehenden Leute schon dumm rausgucken. Ich laufe bis ans Ende des Zugs, er ist doch gerade erst eingefahren, aber nein, er ist bereits überfüllt. Es wird ein interessanter Pendelalltag, denke ich mir jetzt schon.
Darmstadt-Wixhausen. Für einen schwulen Mann hätte es wohl keinen treffenderen Ortsnamen gegeben. Ich frage mich, wie viele Leute wohl in Zukunft schmunzeln werden, wenn sie danach fragen, wo ich lebe. Der Ort jedenfalls ist unbeeindruckend grau, ähnlich wie Darmstadt, nur wie eine klassische Uptown-Siedlung aus den 60-ern: Ein Einfamilienhaus nach dem anderen auf beiden Seiten der Straße, bis man das graugrün des Feldes sieht. Das wird der Ort sein, an dem ich die nächsten sechs Monate meines Lebens verbringen werde, wenn die Wohnungsbesichtigung richtig läuft. Ich laufe an Zement und Stahl vorbei auf die Baustelle.