Geschenke

Wir sammeln Dinge, die wir für unser künftiges WG-Zusammen- oder Aneinander-Vorbeileben, wir wissen es noch nicht, benötigen werden. Sani hat extra sein hübsches Papier geopfert, A4 so bedruckt, dass es alt und wie Papyrus aussieht. Den Staubsauger haben wir bereits drei mal notiert, das, merke ich, ist wichtig. Ansonsten steht da noch ein Wischmopp, Eimer, Reinigungsmittel, Entkalkungsmittel, Waschmaschinenreiniger, Mülleimer, Teppiche für Bad und Klo. Als wir fertig sind, meint Sani: “Hat jemand von euch was zum Spielen dabei?” “Leider nicht”, meint Sherzod, ich schüttele nur den Kopf.

Da Sherzod gerne spazieren geht, ziehen wir uns an und drehen draußen eine Runde. die Wolken ziehen am Vollmond vorbei, es ist schön hell. Wir laufen die Einfamilienhäuser entlang, es gibt sowieso ja nur zwei Richtungen, entweder zur S-Bahn oder zum Feld. Plötzlich stehen wir vor einem Kasten Bier, welcher uns aus einem Gespräch reißt. Eine Weile später finden wir Spielkarten und zwei Steine in Plastiktüte, “Liebe” und “Freude” sind auf diese lackiert. Ich nehme zwei Skat-Kartensets mit. “Mit etwas Glück kriegen wir ja so unseren Haushalt zusammen”, meint Sani. Ich lache, Sherzod deutet nach vorne und meint, “Schaut, da kommt noch etwas.” Eine Tüte steht da ganz einsam im Lichtkegel einer Laterne an einer Hauswand, direkt am Ende des Zebrastreifens auf der anderen Seite der Straße. Wir laufen händereibend darauf zu, und entdecken eine Stahlpfanne, die in einen Wollteppich eingerollt wurde. “Aaaach, haben wir schon”, sagt Sherzod enttäuscht. Wir wühlen noch etwas in der Tüte.

Wir laufen weiter, da meint Sani plötzlich. “Also theoretisch, wenn wir jetzt unendlich lang laufen würden, dann…”, er zögert kurz, “…rein mathematisch gesehen müssten wir dann ja wirklich alles bekommen, was wir brauchen!” Sherzod und ich sind nur semi begeistert, lassen uns aber dann auf sein Experiment ein.

Ich stelle das Gartentor an die Einfahrt, als die Sonne wieder aufgeht. Ich schaue auf mein Handy, Sechs Uhr dreiunddreißig; Shakespeare verspricht mir eine seinem Namen ähnliche Internetversorgung. Vor mir hat sich ein Berg Pfandflaschen gehäuft, links daneben liegen auf einem zerkratzten Sofa mehrere Dutzend durch Morgenreif schimmernde Romanzen. Eine ganze Kiste Milch und mehrere Amazonpakete stapeln sich daneben. Dann steht da gleich zwei Fahrräder ohne Vorderrad, aber in gutem Zustand. Unseren Haushalt haben wir leider immer noch nicht zusammen, was wohl darauf hindeutet, dass unendlich weiter als 2 Kilometer ist. Ein Wagen hält neben mir, und ein Polizist kurbelt die Scheibe herunter. “Hey”, er nickt mich an. Ich nicke zurück. “Das Blaulicht da, wo habt ihr das her?” “War zu Verschenken”, sage ich etwas zu schnell. Der Polizist steigt aus und klammert sich mit seinen Händen an seinen Gürtel. “Können wir das haben? Irgendwelche Idioten haben unseres mal wieder geklaut.” Ich nehme das Blaulicht und gebe es dem Polizisten. “Ach ja”, meint der Polizist. Ich werde rot. “Cool, dass sich mal jemand um Sauberkeit am Ort kümmert. Gibt ja kaum einen mehr, der nicht seinen Sperrmüll als Geschenk deklariert.”